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  • Swen Heidenreich

Intuition bei Personalentscheidungen: Ja oder Nein?

Aktualisiert: 28. Aug 2019


Eine Frage an Sie, als Personaler: Haben Sie vom Chef auch schon einmal so etwas gehört wie:

"Lass mal gut sein. Ich mach das schon mit der Nachfolge-Entscheidung. Ich habe schließlich über 20 Jahre Erfahrung, ein sehr gutes Gespür, und weiß genau worauf es ankommt. Da brauchen wir so was nicht, wie diese Online-Verfahren, strukturierte Interviews, oder gar Assessments. Das Geld können wir uns sparen....!" ?



Da ist man als engagierter Personaler erst einmal sprachlos, oder?

Hier eine Antwort für diejenigen von Ihnen, die auch mal Kontra geben:

"Chef, eine spontane, kleine Denkaufgabe:

Ein Schläger und ein Ball zusammen kosten 1,10€. Der Schläger kostet genau 1€ mehr als der Ball. Wieviel kostet der Ball?"


Bevor Sie weiterlesen: Versuchen Sie diese Aufgabe an dieser Stelle erst einmal selbst zu lösen. Ganz spontan, ohne großes Grübeln. Was sagt Ihnen Ihre Erfahrung, Ihr Bauch?


Auflösung: Sehr, sehr viele Menschen sagen intuitiv 0,10€. Sogar 50% einer Stichprobe von Studenten der Harvard Universität sagen 10 Cent. Der richtige Preis für den Ball beträgt jedoch 5 Cent.


Was ist der Grund für die falsche Antwort auf eine so einfache Aufgabe? Unser Autopilot, unsere Intuition waren eingeschaltet. Die Zahlen legen diese einfache, intuitive Antwort nahe. Ein wenig genauer nachgerechnet und man merkt schnell, dass bei einem Preis für den Ball von 10 Cent und einem Preisunterschied von 1,00€ zwischen den beiden, kein Endpreis von 1,10€ herauskommen kann...


Ergo:

Manche Entscheidungen sind zu wichtig und kostspielig, um sie der Intuition Einzelner zu überlassen. (Die Kosten einer Fehlbesetzung ab dem Level Mittleres Management beträgt zwischen 1,5 bis 3,0 Jahresgehälter.)


Natürlich spielt Intuition eine Rolle in unseren Entscheidungen. Ich gehe sogar noch weiter. Ich behaupte:

Die menschliche Intuition ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Alleinstellungsmerkmale der Zukunft und gegenüber "künstlicher Intelligenz (KI).

Warum?

Künstliche Intelligenz wird sehr wahrscheinlich vor allem unser "System 2" ersetzen - um einmal Daniel Kahnemans Begrifflichkeit zu nutzen. Also das System des analytischen, genauen und daher - zumindest bei uns Menschen - sehr langsamen Denkens.

Darin sind wir der künstlichen Intelligenz (KI) der Gegenwart bereits hoffnungslos unterlegen (siehe dazu z.B. hier, wie sich die KI AlphaZero innerhalb von nur 4 Stunden zum unschlagbaren Schach-Genius entwickelt hat).


Das System 1 dagegen "beherbergt" unsere Intuition und damit unglaublich schnelles und komplexes Denken, an welches künstliche Intelligenz (bislang) nicht heranreichen kann. Leider gibt es einen Preis für diese fabelhafte Schnelligkeit. Sie ist meist unbewusst und zudem sehr fehleranfällig.

Aufgrund ebendieser Fehleranfälligkeit sollten wir uns bei wichtigen Entscheidungen, wie z.B. Personalentscheidung, eher auf unser System 2 verlassen. Das erfordert zwar kurzfristig ein wenig mehr Arbeit, Anstrengung und Zeit, ist aber mittelfristig eine lohnenswerte Investition. So können ein paar zusätzliche Stunden der Analyse und Diagnostik weitaus kostenintensivere Fehlentscheidungen aufgrund Alpha Fehler (einen ungeeigneten Kandidaten einzustellen) oder Beta Fehler (einen geeigneten Kandidaten abzulehnen) vermeiden helfen.


Zudem besteht die Möglichkeit, durch einen bedachten und intelligenten (!) Einsatz computergestützter Diagnostik-Instrumente, unsere Auswahlentscheidung als Personaler noch effizienter und zugleich verlässlicher zu machen.

Jedoch gilt es hier, Vorsicht walten zu lassen: Leider gibt es viele Anbieter und Werkzeuge, die auf der aktuellen Welle "künstliche Intelligenz" und "Big Data" schwimmen und z.B. angeben, Personalentscheidungen mittels Analyse der Stimme (paraverbale Kommunikation) oder der Körpersprache eines Bewerbers (nonverbale Kommunikation) treffen zu können. Einsatz und Nutzen dieser Instrumente sind wissenschaftlich bislang nicht ausreichen und unabhängig erforscht. Auch gibt es noch eine Reihe nicht adressierter ethischer Aspekte, die von dem Einsatz dieser Werkzeuge abraten lassen.


Für eine kritische Auseinandersetzung hierzu empfehle ich den Beitrag "Digitalisierung in der Eignungsdiagnostik"von Prof. Dr. Uwe Peter Kanning (in reportpsychologie, Ausgabe 10/2018).


Um abschießend noch einmal auf das Thema Intuition zurückzukommen:

Diese kann, wie bereits erwähnt, von unschätzbarem Wert sein - sofern an richtiger Stelle und reflektiert (!) eingesetzt.

Eine geeignete Stelle erscheint mit z.B. ein Coaching. Als Coach kann unsere Intuition - unser Gespür für den Coachee und alles was sie oder er über das gesprochene Wort hinaus mitbringt - überaus bedeutsam und hilfreich zu sein. So berücksichtigt eine ganzheitliche und systemische Arbeitsweise als Coach eine Vielzahl an Informationsquellen, einschließlich der Intuition.

Da diese jedoch meist unterbewußt stattfindet und somit lediglich "mitschwingt", ruft sich ein kompetenter Coach dieses "Hintergrundrauschen" immer wieder aktiv ins Bewusstsein um es zu reflektieren. Nur so können wir die mit der Intuition behafteten Probleme (Stereotypen, Vorurteile...) minimieren.



Viele weitere Tipps und Inspiration, wie auch Du Dein authentisches Selbst entdeckst und volles menschliches Potenzial nutzen kannst, hier in diesem Newsletter.


Ein unverbindliches Gespräch mit Deinem erfahrenen Coach und Wegbegleiter: HIER.



Quellen:

- Daniel Kahneman: Thinking, Fast and Slow. Penguin. 2012.

- Prof. Dr. Uwe Peter Kanning: "Digitalisierung in der Eignungsdiagnostik", reportpsychologie 10/2018.

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